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Afghanistan: Mehr Soldaten, mehr Probleme

Die Friedens- und Zukunftswerkstatt hatte für den 26. Februar zu der Veranstaltung "Mehr Soldaten, mehr Probleme" mit Christine Buchholz, Friedenspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der LINKEN, geladen, in der sie von ihrer Reise nach Afghanistan berichten sollte. Bis Freitag früh wusste in Hessen vermutlich niemand, welchen Bericht sie noch im Gepäck haben würde: Nach Christines Rede im Bundestag zur geplanten Truppenaufstockung hat die gesamte Bundestagsfraktion der LINKEN Schilder mit den Namen der Opfer der Kunduz-Bombardierung hochgehalten.

Eine Aktion, wegen der die Fraktion daraufhin, außer zur Teilnahme an der Abstimmung, vom Plenum ausgeschlossen wurde. Für Christine und Jan van Aken, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion der LINKEN haben die Namen auf den Schildern eine besondere Bedeutung: Die beiden sind die einzigen Mitglieder des Bundestages, die sich mit den Hinterbliebenen dieser Opfer getroffen haben und zwar während ihrer gemeinsamen Reise nach Afghanistan Anfang Februar. Als Mitglieder des Verteidigungsausschusses, der mittlerweile zum Untersuchungsausschuss in Sachen Kunduz-Bombardierung umgewandelt wurde, hatten die beiden diese Möglichkeit. Rund 70 Menschen kamen am Freitag ins Gewerkschaftshaus, um Christines Bericht zu hören und anschließend mit ihr zu diskutieren. Ihren Bericht illustrierte Christine mit zahlreichen Fotos.
Zur Zeit finden viele Veranstaltungen statt, die sich mit dem Krieg in Afghanistan befassen und es ist gut, dass die Situation dort politisch analysiert wird.  Einen persönlichen Erfahrungsbericht zu hören, zumal von jemandem der nicht den Regierungsparteien angehört, sondern Kriegsgegner ist  und die Erfahrung in der Arbeit gegen den Krieg nutzt, ist aber eine wichtige Bereicherung.
Christine und Jan haben in Afghanistan die verschiedensten Menschen getroffen und so ein Bild über die Situation in Afghanistan gewinnen können, dass so vermutlich nie in den westlichen Medien vermittelt werden wird. Sie trafen Parlamentarier, Menschrechtsaktivisten, Entwicklungshelfer, Mitglieder der Provinzregierungen, ausländische Soldaten, Bürger und vor allem die Hinterbliebenen der Kunduz-Bombardierung.
Genau diese Menschen getroffen und ihre Geschichten gehört zu haben, um  sie in Deutschland zu erzählen, ist der brennendste und umfangreichste Punkt in Christines Bericht, weshalb die anderen Begegnungen und Eindrücke hier nur kurz zusammengefasst werden.
 Immer wieder hören wir vom zivilen Wiederaufbau und dass das in erster Linie die Aufgabe der Bundeswehr in Afghanistan wäre. Christine hat mit Entwicklungshelfern und Soldaten gesprochen und folgendes Bild gewonnen: Der vom Militär begleitete Wiederaufbau findet so gut wie nicht statt. Es muss gemeinsam mit der Bevölkerung geplant und gebaut werden, bewaffnete Truppen sind hier nicht die geeigneten Aufbaupartner. Erfolgreich sind hingegen Projekte, die ohne Militärschutz arbeiten. Sie werden von der Bevölkerung akzeptiert und akzeptieren selbst die Meinung und Mitarbeit der Einheimischen.
Ein weiterer Aspekt der deutschen Beteiligung in Afghanistan ist die sogenannte Polizeiausbildung.
Vor Ort wird aber schnell klar, dass es sich hier nicht um eine Polizei mit dem bei uns geläufigen zivilen Charakter handelt, sondern um ein Truppe, die militärisch handelt und in das Militärkonzept eingebunden ist.
Eine weitere Erkenntnis der Reise ist die Meinung der Afghanen zur Karsai-Regierung. Christine berichtet dass alle Afghanen, die sie getroffen hat, die Regierung verachten. Die Bevölkerung sieht, dass von dieser Regierung, in der Karsai Kriegsverbrecher zu Ministern gemacht hat, keinerlei Verbesserungen oder Hilfe zu erwarten ist. Parlamentarier der Opposition berichten, dass Karsai das Parlament umgeht, so wurde zum Beispiel seine Teilnahme an der Londoner Afghanistan-Konferenz in keiner Weise im Parlament vor- oder nachbearbeitet. Aussagen wie die des Vizepräsidenten des afghanischen Parlaments, Amanullah Paiman, der damit quasi den Titel der Veranstaltung „Mehr Soldaten, mehr Probleme“ geliefert hat zeigen, dass die Karsai-Regierung nicht die Bevölkerung vertritt, sondern die Interessen der ausländischen Besatzer. Paiman fürchtet, dass mehr Soldaten die Lage in Afghanistan verschlimmern anstatt zu verbessern und betont, wie wichtig stattdessen ein vollständig ziviler Aufbau ist.
Das wird vor allem in Kabul deutlich, eine Stadt die Christine in Trümmern vorgefunden hat. Asphaltierte Straßen sind nur teilweise vorhanden,  ein Abwassersystem gibt es gar nicht. 5 Millionen Einwohner haben tagtäglich in diesen Verhältnissen zu kämpfen, hinzu kommen eine große Analphabetenrate und die hohe Arbeitslosigkeit. Das Geld, das benötigt wird, um diese Probleme anzugehen, wird von Ländern wie Deutschland in ihren Militäreinsatz investiert oder verschwindet bei den Organisationen, die gemeinsam mit bewaffneten Schutztruppen Wiederaufbau betreiben wollen. Es ist offensichtlich und die logische Folge, dass der Widerstand gegen die Besatzungstruppen immer größer wird. Gegen Besatzungstruppen, die - wie am 4. September vergangenen Jahres - eine tödliche Gefahr für die Zivilbevölkerung darstellen.

Am 4. September 2009 sind in der Nacht mit Benzin beladene Tanklaster  in Kunduz in einem Fluss auf einer Sandbank steckengeblieben. Das geschah während des muslimischen Fastenmonats, was nur eine der Erklärungen dafür ist, warum sich so viele Zivilisten am Ort des Geschehens aufhielten: Während des Fastenmonats spielt sich das gesellschaftliche Leben nach Sonnenuntergang ab. Aber allein die Hoffnung, bei den Tanklastern an dringend benötigtes Benzin zu kommen, trieb Hunderte von Menschen zum Fluss. Für Kinder des nahegelegen Dorfes war das ein Ereignis, von dem man sie nur schwer fernhalten konnte.
So berichtete Christine von den Worten einer Großmutter, die ihre zwei Enkel durch die Bombardierung verloren hat:  „Meine beiden Jungs sind zum Fluss gelaufen, weil alle dorthin liefen, alle waren neugierig, ich konnte sie nicht aufhalten." Dass der Befehl zur Bombardierung gegeben wurde, dass angebliche Bundeswehr-Informanten vor Ort keine Zivilisten sahen und die Bundesregierung die zivilen Opferzahlen trotz ausführlicher Recherche von zwei Vertreterinnen des Provinzrates noch immer anzweifelt zeigt, wie wichtig die Reise der beiden LINKEN-Abgeordneten nicht nur für den Untersuchungsausschuss, sondern auch für die Öffentlichkeit ist. Wir erfahren hier in Deutschland normalerweise nicht einmal ansatzweise das, was Christine uns berichten konnte, wie viele Familien durch die Bombardierung zerstört wurden. So wurde deutlich, dass die Menschen sicher die geleistete Soforthilfe der Bundesregierung brauchen können, dadurch aber nicht das erfahrene Leid wiedergutgemacht werden kann. "Was nützen mir Decken, wenn ich meine zwei Söhne verloren habe?" fragte ein Hinterbliebener, der zwei Angehörige verloren hat. "Wenn wir nicht so arm wären, hätten wir auch kein Benzin gebraucht" beklagte ein anderer seine Verluste und zeigt damit auf, wie schlimm die alltägliche Not der Afghanen ist. Man hat uns gesagt, die deutsche Sicherheit werde am Hindukusch verteidigt. Unter den Toten der Bombardierung sind 26 Kinder.  Die deutsche Bundesregierung sagt, sie helfe den Frauen in Afghanistan. Durch die Bombardierung sind 91 Frauen zu Witwen geworden.

 

 

 

 

 

 

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