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Linke für den Landtag Von Til Huber

"Jenseits der 50: Vor allem ältere Männer wählen die Linke" sob beginnt ein Artikel in der FAZ....

19. Februar 2008 Der Saalbau Ronneburg im Frankfurter Stadtteil Preungesheim am Montagabend: Die Genossen sitzen im „Clubraum 1“ und warten auf ihren Gast. An Konferenztischen zum Zusammenklappen haben sieben Männer und vier Frauen Platz genommen. Runde Halogenlichter an der Decke erhellen den langen Saal. In der Ecke steht eine Pflanze im grauen, mit Granulat gefüllten Plastikkübel.

Ihre hängenden Blätter wirken, als sei sie Zeuge vieler trauriger Veranstaltungen geworden. Doch heute sitzen hier die Mitglieder der Frankfurter Stadtteilgruppen Ost und Nord der Partei „Die Linke“ zusammen. Und die haben bei der Landtagswahl in manchen ihrer Quartieren mehr als neun Prozent der Stimmen erkämpft – aber was jetzt? „Wie geht es weiter nach der Wahl?“ steht in fetten Buchstaben auf der Einladung.



Wahlforscher: Partei verdankt Wahlerfolg älteren Männern

Plötzlich geht die Tür auf und der Gast kommt herein. Janine Wißler ist 20 Minuten zu spät, nimmt am Kopfende der u-förmigen Tafel Platz. Wißler ist eine von sechs Landtagsabgeordneten der Partei. Schlagzeilen machte die 26 Jahre junge Studentin, mit den langen, braunen Haaren, weil sie sehr attraktiv ist und einer Organisation namens „Linksruck“ angehörte, die das Bundesamt für Verfassungsschutz als verfassungsfeindlich eingestuft hat. Die Gruppierung löste sich jüngst auf, ihre Sympathisanten schlossen sich weitgehend der „Linken“ an.

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Wißler bestellt Milchkaffee und die Sitzung ist eröffnet. „Was bedeutet es für uns, dass wir jetzt eine Landtagsfraktion an der Backe haben?“ fragt Moderator Heiner Krebs und lacht. Schon ganz schön anstrengend, wenn man so erfolgreich ist – das will er damit wohl sagen. Zufriedenes Grinsen im Saal. Dann hat die designierte Landtagsabgeordnete das Wort, bedankt sich für den engagierten Wahlkampf, analysiert das Ergebnis, erklärt die Vorhaben der Fraktion. Wißler spricht schnell und wohlformuliert. Sie trägt einen türkisfarbenen Pullover, darüber eine dunkle Jacke mit Nadelstreifen.

Bei den Herren im Publikum dominieren verwaschene Hemden, Strickpullover mit weinroten Streifen und große Brillen mit dünnem Metallrand. Einer von ihnen ist Johannes Riedel von der Stadtteilgruppe Nord. Männlich, zwischen 45 und 60 Jahre alt, gewerkschaftlicher Hintergrund: Wahlforscher sagen, es seien vor allem Menschen mit Biografien wie seiner, denen die „Linke“ ihren Wahlerfolg zu verdanken habe.

Hadern mit den „Schröder-Jahren“

Der 58 Jahre alte Mann mit dem buschigen grauen Vollbart sagt, nach der Schule habe er erst Chemielaborfachwerker und dann Maschinenschlosser gelernt. Schon in seiner Jugend sei er bei der Gewerkschaft aktiv gewesen, erst in der IG Chemie, dann in der IG Metall. Oft habe er erlebt, wie Betriebe, in denen er arbeitete schlossen oder zumindest Leute entließen, nachdem internationale Konzerne sie übernommen hatten. Zu denen, die gehen mussten, gehörte auch er selbst immer wieder. „Daraus zieht man dann eben gewisse Erkenntnisse“, sagt Riedel. In den siebziger und achtziger Jahren war er acht Jahre lang Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), aber irgendwann nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus gab er sein politisches Engagement auf. Jahrelang habe er, inzwischen als Taxifahrer, das Geschehen nur noch passiv verfolgt, auch „die Schröder-Jahre“ mit der Einführung von Hartz IV über sich ergehen lassen.

Dann gründete sich der Verein mit dem umständlichen Namen „Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit“, kurz WASG. Das sei die Chance für Menschen wie ihn gewesen, endlich wieder Gehör zu finden, sagt Riedel. Er ging zu Stammtischen, verteilte Flugblätter und trat schließlich in die „Linke“ ein, die im Juni 2007 durch die Fusion der WASG mit der „Linkspartei.PDS“ entstanden war.

Als Riedel im Clubraum 1 das Wort ergreift, spricht er von der Bedeutung kostenloser Bildung, von ausreichender Gesundheitsversorgung für alle und von seiner Sorge, die Landtagsfraktion könnte künftig nicht eng genug mit den Kommunalpolitikern zusammenarbeiten. Er meint damit wohl: Lasst euch nicht durch eure Posten korrumpieren. Aber wie er das sagt, wirkt umständlich und angestrengt. Janine Wißler hat ihre Haare hinter die Ohren gestreift, nippt an ihrem Milchkaffee und sieht den Redner über den Rand der Tasse an. Sie nickt interessiert, aber in solchen Momenten spürt man, welche Spannungen der Partei noch bevorstehen könnten.

Kampf gegen die „Generation Egoist“

Vielleicht redet Wißler im Anschluss deshalb von den Menschen in „den schicken Villenvierteln im Taunus“, die man ohnehin nicht erreiche. Und vielleicht erzählt Heiner Krebs auch deshalb die Anekdote von dem jungen Schnösel im Trenchcoat, der ihn am Wahlstand „tödliche Blicke“ zugeworfen habe. Dieser Mann aus der „Generation Egoist“, jener „verdorbenen Generation“, die nur noch den leistungsfähigen Menschen etwas geben wolle. Die Partei braucht solche Parolen nicht nur um andere zu überzeugen, sondern vor allem auch zur Selbstvergewisserung.

Und noch besteht ja auch gar kein Anlass zum Streit. Schließlich ist es erst die dritte Woche nach der Hessenwahl und die „Linke“ hat Rückenwind: In der Landesgeschäftsstelle ist von einer „Flut an Mitgliedsanträgen“ die Rede. Allein in der ersten Woche nach der Wahl seien 50 Menschen der Partei beigetreten, inzwischen gehörten ihr fast 2200 Frauen und Männer an. Kreisverbände halten Mitgliederversammlungen ab, Ortsgruppen gründen sich. Von Kassel bis Darmstadt formiert sich die Basis der neuen Partei.

Aufbruchstimmung ist auch zwei Tage später im mittelhessischen Aßlar zu spüren. Obwohl sich dort kein künftiger Landtagsabgeordneter angekündigt hat. Der kleine Ortsverband im Lahn-Dill-Kreis trifft sich in der Gaststätte „Zur Linde“, einem Lokal an der Hauptstraße, in dem sich zum Beispiel auch ein Verein mit dem Namen „Burschenschaft Club“ regelmäßig versammelt. Der Ortsverband, das sind sieben Männer und Frauen, aus der Gegend. Die Vorsitzende Ilona Fieg ist eine Frau, deren sonore Stimme an italienischen Rotwein und französische Zigaretten denken lässt. Sie trägt einen bunten Seidenschal und sagt von sich, ihre politischen Wurzeln lägen in der Frankfurter Studentenbewegung der siebziger Jahre. Lange habe sie die Grünen gewählt, aber seit dem Kriegseinsatz im Kosovo sei das vorbei. „Denen geht es doch nur noch um die Macht.“

„Für die Arbeiter wird es doch immer schlechter“

Um die große Politik geht es Fieg an diesem Abend aber nicht. Eine größere Zahl an Busverbindungen zu einer Gesamtschule im nahen Ehringshausen ist erstmal wichtiger. Alle Jugendlichen sollen zu vernünftigen Zeiten dorthin und auch wieder zurück fahren können. In gewisser Weise eine Frage gleicher Bildungschancen und deshalb bei der Linken bestens aufgehoben, finden die Genossen. Ein Brief an den Verkehrsverbund Lahn-Dill ist bereits verfasst, weitere Initiativen sollen nun folgen.

Mit an dem runden Wirtshaus-Tisch sitzt auch Werner Becker (Name geändert), ein kleiner Mann mit grauem, schütterem Haar und kräftigen, ledrigen Händen. Eine Zeit lang sagt Becker gar nichts. Dann spricht er auf einmal: „Für die Arbeiter wird es doch immer schlechter.“ Und während neben der Kneipentür die Spielautomaten blinken und dudeln, sprudelt seine Geschichte aus ihm heraus.

Dreißig Jahre lang sei er Lastwagen gefahren, zuletzt beim Mineralwasser-Hersteller Neuselters in Löhnberg, jeden Tag Kisten schleppen und Hunderte von Kilometern durch die Gegend kutschieren. Dann kam Nestlé, der große Schweizer Lebensmittelkonzern und kaufte den kleinen Abfüller. Becker sagt, mit dem Großkonzern sei auch „der Herr Schumacher“ gekommen. Der Herr Schumacher habe gerechnet und herausgefunden, dass der Fuhrpark von Neuselters zu teuer sei. Ende 2002 sei dann Schluss gewesen. Von nun an lieferte eine externe Spedition das Mineralwasser aus. Becker durfte noch einige Jahre an der Abfüllanlage arbeiten und geht im kommenden Monat mit 59 Jahren in Frührente. Im vergangenen Sommer trat er erstmals in seinem Leben in eine Partei ein. Es war die „Linke“.

„Parolen wie 'Weg mit Hartz IV' reichen nicht aus“

Katharina Jung hat Verständnis für Menschen wie Werner Becker. Es ist Donnerstagmittag und die 20 Jahre alte Studentin sitzt in der Landesgeschäftsstelle der Partei an der Großen Seestraße in Frankfurt. Im Besprechungsraum surrt und blinkt der Kopierapparat im Dauereinsatz. Gemeinsam mit zwei jungen Männern will Jung mehr als 600 Einladungen für die bevorstehende Mitgliederversammlung von „Solid“, der Jugendorganisation der „Linken“ verschicken. Auf den Laptops der drei Aktivisten haften Aufkleber mit Sprüchen wie „Sachzwang: Sozialismus.“ und „Lernfabriken abschalten!“. Jung sitzt im Landessprecherinnenrat der Organisation. Sie sagt, natürlich wählten die Partei auch viele Menschen wegen ihres persönlichen Schicksals, wegen hautnah erlebter sozialer Ausgrenzung. „Die wirtschaftliche Situation schafft die Grundstimmung für linke Gedanken.“

Aber sie sagt auch, Parolen wie „Weg mit Hartz IV“ reichten nicht aus. Während sie Zettel zusammenfaltet und aufeinanderstapelt spricht die Studentin vom „ideologischen Überbau der Partei“, von „Parlamentarismus-Skepsis“, von einer „emanzipatorischen Bewegung von unten“. Und das alles klingt sehr intelligent, aber auch sehr kompliziert.

Jung erzählt auch vom Internat in der Nähe Fuldas, auf dem sie Abitur gemacht habe. Sie, deren Vater als Kundendiensttechniker bei einem Hausgeräte-Herstellers arbeitete, habe die noble Schule mit Hilfe eines Stipendiums besuchen können. Die soziale Schere zwischen ihren Klassenkameraden im Internat und ihren Freunden in Frankfurt-Griesheim habe sie wach gemacht. „Seitdem muss mir niemand mehr erzählen, wir hätten in Deutschland keine Klassengesellschaft.“

„Ich bin arm, obwohl ich jeden Tag zur Arbeit gehe“

Warum die Linke gerade bei den Jungwählern trotzdem schlecht abgeschnitten habe? „Wir können uns das selbst noch nicht so richtig erklären“, sagt Jung. Gründe, sich zu engagieren gebe es jedenfalls genügend, vom Mangel an Ausbildungsplätzen über internationale Kriegseinsätze bis hin zur Bekämpfung rechtsextremer Bewegungen, wie im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis.

Dort findet einen Tag später die Mitgliederversammlung des Kreisverbandes statt. Es ist Freitag kurz nach 21 Uhr: Pause im Veranstaltungssaal, den man über eine kurze Wendeltreppe im Restaurant „Milano“ in Treysa erreicht. Obwohl fast 40 Gäste gekommen sind, muss man die Unterdreißigjährigen suchen. Vor allem Herren jenseits der 50 sind auf der Versammlung im Schwalmstädter Ortsteil erschienen – politisch aktiv sind die wenigsten von ihnen. Vorne ist ein Podium aufgebaut, auf dem der frisch gewählte Vorsitzende der Landtagsfraktion Willi van Ooyen gerade noch Fragen beantwortet hat.

Etwas abseits steht Heiner Moeller. Der große, kräftige Mann mit kleinen, müden Augen sagt, er sei nie Mitglied in einer Partei gewesen. Bis zum vergangenen Dezember, als er sich entschloss, der „Linken“ beizutreten. Er sei eigentlich völlig unpolitisch, arbeite als Masseur und medizinischer Bademeister in einer Rehabilitationsklinik in Bad Wildungen. Um die 950 Euro bekomme er im Monat heraus, und er habe zwei erwachsene Kinder, denen er hin und wieder noch finanziell aushelfen müsse. „Ich bin also arm, obwohl ich jeden Tag zur Arbeit gehe.“ Moeller sagt das kühl und ohne eine Spur von Eifer in der Stimme. Er wirkt wie ein Mann, der seine Situation einfach nur nüchtern analysiert hat.



Text: F.A.Z.

Treffen

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